Risse als Portale

Risse als Portale

Architektonische Narben als Erinnerungsträger

Über das Projekt

Während des Zweiten Weltkriegs wurden Millionen Menschen zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich deportiert. Auch in den Gebäuden der heutigen Sophiensæle befand sich ein Lager für Zwangsarbeiter*innen.

Spuren dieser Geschichte sind bis heute sichtbar – Räume, die umfunktioniert, versiegelt, überschrieben wurden. Die Narbe im Foyer erinnert an einen baulichen Eingriff. Doch was genau geschah hier? Wer arbeitete in diesen Räumen unter Zwang? Welche Leben und Geschichten wurden ausgelöscht, überbaut, vergessen?            

Dokument: Bitte um Nachweis

Dokument
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Eines der wenigen erhaltenen Zeugnisse stammt von der Ukrainerin Sergienko Evdokija Petrowna. In einem Brief von 1991 beschreibt sie, wie sie 1942 – mit zwanzig Jahren – aus ihrem Dorf bei Dnipropetrowsk nach Berlin verschleppt wurde. Hier, auf dem Gelände der Sophiensæle, musste sie in einer Papierfabrik arbeiten. 1945 wurde sie befreit.  

Fast fünfzig Jahre später wendet sie sich mit Hilfe der russischen NGO Memorial an die Arolsen Archives, um einen Nachweis ihrer Zwangsarbeit zu erhalten – in der Hoffnung, damit eine Entschädigungszahlung beantragen zu können.            

Fünf Jahre später bekommt sie Antwort: Es konnte kein Nachweis gefunden werden.            

Lücke: Wie funktioniert Erinnerung?

Der Antrag Sergienko Evdokija Petrownas hilft uns auf unserer Suche nach der Geschichte der Sophiensaele. Und gleichzeitig wirft er neue Fragen auf: Sergienko Evdokija Petrowna schreibt, dass sie in „Baracken“ gelebt hat. Zeitzeugen und Bauakten weisen jedoch darauf hin, dass die Zwangsarbeiter*innen auf der Empore des Festsaals untergebracht waren. 

Sie schreibt weiter, dass sie 1945 von der amerikanischen Armee befreit wurde. Doch ganz Berlin wurde von der sowjetischen Armee befreit.

Diese Art von Ungereimtheiten ist nicht ungewöhnlich. Darauf hinzuweisen hat nicht das Ziel, Sergienko Evdokija Petrowna unglaubwürdig zu machen. Sie sind vielmehr spannende Hinweise darauf, wie das Gedächtnis funktionieren kann: Sergienko Evdokija Petrowna schreibt ihren Antrag 49 Jahre – als 70-Jährige – nachdem sie in den Sohiensaelen leben und arbeiten musste. Aller Wahrscheinlichkeit nach haben sich andere Erzählungen oder Bilder aus Filmen oder Büchern über ihre eigene Erinnerung gelegt.              

Hintergrund: (Keine) Entschädigung

Die Geschichte von Sergienko Evdokija Petrowna steht stellvertretend für viele. Millionen oft sehr junger Menschen wurden verschleppt. Sie mussten ohne oder für einen geringen Lohn unter entwürdigenden Bedingungen arbeiten und galten als Menschen zweiter Klasse. Nach ihrer Rückkehr wurden sie in ihren Heimatländern oft als „Kollaborateur*innen“ beschimpft. Die meisten  schwiegen deswegen jahrzehntelang über das Erlebte. 

Weder die BDR noch die DDR boten ehemaligen Zwangsarbeiter*innen Ausgleichszahlungen an. In den 1990er Jahren gab es vermehrt Boykottaufrufe, Sammelklagen und Entschädigungsforderungen von ehemaligen Zwangsarbeiter:innen gegen große deutsche Konzerne. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion suchten viele Überlebende nach Belegen für ihre Zwangsarbeit und bemühten sich um Entschädigungszahlungen. Nach langen Kämpfen und Verhandlungen wurde schließlich im Jahr 2000 die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) gegründet. Sie sollte Auszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter*innen koordinieren. Das Gründungskapital wurde je zur Hälfte vom deutschen Staat und der deutschen Wirtschaft zusammengetragen.             

Zwischen 2001 und 2007 erhielten über 1,6 Millionen Menschen Zahlungen. Doch die allermeisten derjenigen, die als Zwangsarbeiter*innen von deutschen Unternehmen ausgebeutet worden waren, konnten nicht mehr ausfindig gemacht werden oder waren bereits verstorben. Sie erhielten so nie eine Ausgleichszahlung oder öffentliche Anerkennung für ihr Leid.             

Zwangsarbeit war eines der zentralen Verbrechen des Nationalsozialismus. Rund 13 Millionen Menschen mussten allein in Deutschland unter Zwang arbeiten – und ebenso viele in den besetzten Gebieten Europas.

Schon in den 1930er Jahren zwangen die Nazis Jüdinnen und Juden, Sinti*zze und Rom*nja sowie als „asozial" stigmatisierte Menschen zur Arbeit. Mit Beginn des Krieges nahm die Gewalt neue Dimensionen an: Durch ihren selbst begonnenen Eroberungs- und Vernichtungskrieg schufen die Nationalsozialisten den Bedarf an immer mehr Arbeitskräften. Millionen Zivilist*innen wurden in ihren Heimatorten verhaftet, aus ihren Familien gerissen und nach Deutschland verschleppt. Hier mussten sie unter Zwang, für geringen oder keinen Lohn, in Fabriken, in der Landwirtschaft und in Betrieben arbeiten – streng kontrolliert und durch rassistische Vorschriften isoliert.

Berlin, die „Stadt der Lager"

In Berlin war Zwangsarbeit allgegenwärtig. Etwa eine halbe Million Menschen wurden hier zur Arbeit gezwungen. Zwangsarbeiter*innen machten 1944 ein Fünftel der Berliner Bevölkerung aus. Über 3.000 Lager existierten in der Stadt: große Barackenlager, aber auch umfunktionierte Wohnungen, Keller und Säle mitten in den Wohnvierteln.

Die Sophiensæle als Ort der Zwangsarbeit

Auch in den Sophiensælen befand sich ein solches Lager – aller Wahrscheinlichkeit nach im großen Saal. Eine Liste des Gesundheitsamts Mitte aus dem Jahr 1943 verzeichnet 69 Menschen, die hier untergebracht waren – aus der Sowjetunion, Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Die Namen der hier zur Arbeit Gezwungenen kennen wir in den meisten Fällen nicht. Die wenigen überlieferten Dokumente zeigen: Sie waren Männer und Frauen, viele sehr jung – kaum älter als zwanzig.

Auch wie das Lager aussah, lässt sich nur teilweise rekonstruieren. Zeitzeugen berichten, dass Teile der Empore zugemauert und als Unterkunft genutzt wurden; Bauakten belegen entsprechende Umbauten.

Die Zwangsarbeiter*innen mussten in einer Filiale der Papierfabrik Franz Grimm, vermutlich im selben Haus, und in der Karl Jung Maschinenfabrik in der Köpenicker Straße in Kreuzberg arbeiten. Nach der Befreiung im Jahr 1945 verliert sich die Spur der meisten Menschen, die hier zur Arbeit gezwungen wurden.

Lisa Schank + Vanessa Amoah Opoku | Brüche und Kontinuitäten | Sophiensæle Berlin | 2025